Eine grüne nach der roten Gefahr? - April 2010

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es in der Bundeswehr einen General muslimischen Glaubens geben wird. Vielleicht wird er einen türkischen „Migrationshintergrund“ haben. Aber wie alle Soldaten wird auch er gelobt haben, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Spätestens dann ist auch in der Bundeswehr sichtbar, was wir bereits in vielen Bereichen des politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens wahrnehmen: Muslime sind deutsche Bürger wie Du und ich. Militärisch-bildlich gesprochen: sie haben den Marschallstab im Tornister.

„Islamkritik“ ist angesagt. Seit Monaten geben Feuilletons, Funk und Fernsehen „Islamkritikern“ das Wort. Aber wovon reden diese? Von einer Chimäre, „dem Islam“. Durchweg freilich nicht von eben jenen Muslimen, die wir hier im Blick haben: die in allen Bereichen unserer Gesellschaft ihren Platz einnehmen, tagtäglich ihren Dingen nachgehen: als Händler, Künstler, Professoren, Sportler, Soldaten, Parlamentarier oder wo immer. Die Verfassung zu respektieren, ist für sie etwas Selbstverständliches. Zugleich sind sie islamischen Glaubens. Und nicht wenige von ihnen – und vielleicht auch unser imaginierter General – beten am Freitag (oder häufiger), fasten im Ramadan (so weit das mit ihren sonstigen Verpflichtungen und Verrichtungen vereinbar ist), unternehmen die Wallfahrt nach Mekka (wofür sie Urlaub nehmen) und spenden für einen Moscheebau einschließlich Minarett (nach Absprache mit den Behörden). Das ist die Normalität unter den Muslimen in Deutschland.

Deshalb ist das „Feindbild Islam“ moralisch inhuman und politisch zerstörerisch. „Islamkritiker“ abstrahieren vom Menschen; sie subsumieren den Einzelnen in Kategorien, die sie aus einem verengten Blick auf die Geschichte und/oder aus auffallenden Phänomenen der Gegenwart destillieren. Muslime – wie eben Christen auch – haben ein Recht, im Ganzen verortet werden: der tagtäglichen Lebenswelt, in der sie von ihrer Religion umgeben sind, und in der Größe einer Kultur, die sich aus der islamischen Religion speist. Warum dürfen eigentlich nur Christen auf das „christliche Abendland“ stolz sein und nicht auch Muslime auf das „islamische Morgenland“? Und warum nehmen wir so wenig Anstoß an den hässlichen Zügen der Gegenwart unseres eigenen Kultur- und Zivilisationskreises, machen aber essentialistisch und grundsätzlich verallgemeinernd „den Islam“ fest u.a. an den Untaten von Gewalttätern, die sich auf den Islam berufen? Der Gewalttäter, wie immer er seine Untat begründet, wird nach dem Recht verfolgt. Im Übrigen verstößt er gegen das Gesetz, das in beiden Religionskreisen Geltung hat: Du sollst nicht töten.

Nicht zuletzt die Anwesenheit von Muslimen in unserer Gesellschaft, ja ihre Integration darin, macht es unzulässig, das Feindbild Sowjetunion bzw. Kommunismus durch „den Islam“ zu ersetzen. Auch der Kommunist als Einzelner, als Vertreter einer Denkschule, die auf eine gerechtere Gesellschaft zielt, ist ja nicht per se ein „Feind“. Feindschaft entsteht erst dann, wenn Gewalt und Zwang gepredigt bzw. praktiziert werden. Als Individuum unterliegt dann der Kommunist dem Gesetz wie der gewalthafte Islamist auch. Die Sowjetunion als kollektive Verkörperung der kommunistischen Ideologie bedeutete in Verbindung mit ihrem ungeheuren militärischen Potential und der Gewalt, die sie außerhalb ihrer Grenzen verübte, eine Bedrohung. Insofern wurde sie zum Feindbild und die in ihr verkörperte Form des Kommunismus mit ihr. Hier liegt der Unterschied zum Islam. Die „Achse des Bösen“ oder die „islamische Bombe“ sind Ausdruck einer durch Fakten nicht zu belegenden Dämonisierung.

Die westlichen Gesellschaften sind besser beraten, mit Blick auf ihre eigene
Zukunft wie auch auf eine friedliche Fortentwicklung unserer Welt insgesamt Gemeinsamkeiten zu ermitteln. Die lange Geschichte der Koexistenz und gegenseitiger Befruchtung zeigt, dass die Potentiale dafür vorhanden sind. Statt auf Feindbilder blicke man nach Weimar auf das dort von den Präsidenten Johannes Rau und Muhammad Khatami im Juli 2000 errichtete Denkmal des Dialogs der Kulturen.