Tunesiens Verfassung – ein Meilenstein auf dem Weg der Säkularisierung – August 2014

Am 12. August 1925 tagte das Gremium der höchsten islamischen Gelehrten der Azhar- Universität in Kairo. Es ging um die Zukunft eines der Ihren, des Scheich Ali Abd ar-Raziq. Er hatte wenige Monate zuvor eine Schrift mit dem Titel:  „Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft“ veröffentlicht. Der Untertitel verdeutlichte, worum es ging: „Eine Studie zum Kalifat und zur Regierung im Islam“. Seine Botschaft war, dass keine der Grundlagen des Islams, auch nicht der Koran oder die Prophetenüberlieferung, die Herrschaft eines Kalifen  zwingend erfordere. Nach Anhörung des Autors beschloss der Rat der Gelehrten, ihn aus dem Lehrkörper der Azhar zu entlassen. Dass seine These die Trennung von Staat und Religion implizierte, war für sie unakzeptabel. Erst Ende der vierziger Jahre wurde Abd ar-Raziq teilweise rehabilitiert; eine Professur an der Azhar erhielt er nicht mehr.

Die Ausrufung eines Kalifats durch den Anführer der Terrorbande „Islamischer Staat“ bringt Ali Abd ar-Raziq wieder ins Gedächtnis. Nicht so sehr im Zusammenhang mit dem Tatbestand als solchem; den kann man – bestenfalls – als Marotte abtun. Sondern vielmehr weil die weiterreichenden Betrachtungen des mutigen ägyptischen Gelehrten bestätigt werden: Hatte er doch auch ausgeführt, dass das Kalifat den Muslimen und dem Islam auch Unheil gebracht habe; mithin werde die Religion durch die Trennung von den Angelegenheiten des Staates vor politischem Missbrauch geschützt.

Die in den letzten Jahren im Namen der islamischen Religion begangenen Schandtaten sollten das Fanal sein, die von Abd ar-Raziq unter den Muslimen zeitweilig angestoßene Diskussion wieder aufzunehmen. Und nicht nur das – politische Konsequenzen müssen gezogen werden. Das hatte die nationale Bewegung in der Türkei getan, als das Parlament in Ankara im März 1924 unter Führung von Mustafa Kemal (seit 1934: Atatürk) die Abschaffung des Kalifats beschloss. Vier Jahre später gründete Hasan al-Banna die Muslimbruderschaft, die als revolutionäre Bewegung den Islam und den Staat wieder zusammenführen sollte.
 
Spätestens seit den neunziger Jahren (Bürgerkrieg in Algerien) war unübersehbar, dass Hasan al-Banna die Büchse der Pandora geöffnet hatte. Sayyid Qutb (1966 hingerichtet), ein anderer Ägypter, der erst in seinen späteren Jahren zur Muslimbruderschaft fand, hatte den Islam zu einer Ideologie umgedeutet, die auch – zumindest in der Interpretation seiner geistigen Gefolgschaft - die Gewalt und das Töten zu einer legitimen Strategie im Kampf gegen „die Heiden“ macht.

Nach der Revolution in Iran (die keine islamische, sondern eine Revolution aller Iraner war) wurde ab 1979 das Experiment eines – schiitischen - Gottesstaates gemacht, der zugleich „Republik“ und “islamisch“ sein sollte. Es ging ihrem Gründer, Ayatollah Khomeini, um die politische und geistige Selbstbehauptung gegen einen Westen, den die Iraner seit den fünfziger Jahren als imperialistische Vergewaltigung wahrgenommen hatten. Das Experiment ist nur teilweise gelungen: Während Selbstbehauptung und Eigenständigkeit wirkungsvoll praktiziert werden, schränkt die religiöse Grundlage des Systems die Verwirklichung von Pluralität, Bürgerrechten und Rechtstaatlichkeit nachhaltig ein. Wohin wird sich Iran entwickeln? Es klingt fast nach Ali Abd ar-Raziq, wenn Ayatollah Husain Ghaemmaghami, zeitweilig Imam an der Hamburger Ali Moschee schreibt: „Wir glauben nicht, dass alle Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens von religiösen Lehren abgeleitet werden sollen…die Religion hat im Hinblick auf viele Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens keine besondere Sichtweise.“

Die islamistische Ideologie hat zu diffuser terroristischer Gewalt, aber nicht zu Wandel, geführt. Dieser kam schließlich von anderer Seite: der Bürger und Bürgerinnen, namentlich der jungen Menschen, selbst. In den Auf- und Umbrüchen der arabischen Gesellschaften war von religiösen Eiferern wenig zu sehen. Erst im Nachhinein versuchen – auf je unterschiedliche Weise – religiöse Radikale den Prozess des Wandels zu hijacken. Eine zukunftsfähige Antwort darauf kam aus Tunesien: Zwar erklärt Paragraph eins der im Januar verabschiedeten Verfassung den Islam zur Staatsreligion; Paragraph sechs aber bestätigt den Schutz des Staates für die Freiheit des Glaubens und Gewissens.

Ali Abd ar-Raziq würde sich bestätigt fühlen: Die Mörder des Kalifats des „Islamischen Staats“ haben den Islam beschmutzt. Es gibt bessere Staatsformen für Muslime als das Kalifat. Die Tunesier haben gezeigt, wo sie liegen.

Udo Steinbach