Der Nahe Osten

Der Nahe Osten - wie ich ihn sehe:
Eine Herausforderung für Politik und Wissenschaft

Nicht zu unrecht wird der Konflikt um Palästina „der Nahostkonflikt“ genannt. Auch wenn die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern nicht die ausschließliche Triebkraft der Entwicklungen im Raum zwischen Ägypten und dem Persischen Golf/Indischen Ozean gewesen ist, lässt sich die neuere Geschichte des Nahen Ostens nicht verstehen ohne einen kontinuierlichen Bezug auf den Kampf um Palästina. Seine politischen, kulturellen und psychologischen Weiterungen sind auch im arabischen Maghreb, im nachrevolutionären Iran sowie - eine neuere Entwicklung - in der Türkei zu beobachten. Seine internationale Dimension schließlich wird auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nahezu täglich von Politik und Medien beschworen.

Mit der Revolution in Iran und der Gefährdung der Staatlichkeit des Irak durch eine Invasion von außen sind neue Herausforderungen mit Blick auf die Zukunft des Nahen Ostens erstanden. Auch mehr als dreißig Jahre nach der Revolution sind deren Schockwirkungen weithin im Nahen Osten zu spüren. Die Frage ist bis heute unbeantwortet, in welcher Weise ein sich als politische Kraft verstehender Islam zur weiteren Umgestaltung der Region beitragen wird. Dabei ist die Gewalt nur eine Facette eines sehr komplexen Bildes. Die nukleare Dimension, die mit der atomaren Bewaffnung Israels (und - wenn auch in einem anderen Kontext - Pakistans) längst eröffnet ist, erhält mit dem Atomprogramm Teherans eine weitere Dringlichkeit.

Der von außen gewalthaft herbeigeführte Sturz eines diktatorischen Regimes im Irak hat dem Nahen Osten widersprüchliche Perspektiven eröffnet. Kann aus dem nunmehr fast ein Jahrzehnt andauernden Chaos, geboren aus der Not der Menschen und der Einsicht der politischen und religiösen Führer, ein Gemeinwesen erwachsen, das gleichermaßen auf Prinzipien der Demokratie sowie dem geschichtlichen und kulturellen Erbe beruht? Eine positive Wende hätte weitestreichende Auswirkungen auf die politischen Ordnungen in der gesamten Region. Der positiven Wendung der Dinge steht die Alternative eines Zerfalls des Irak nach ethnischen Zuordnungen gegenüber. Die Sehnsucht des kurdischen Volkes nach Selbstverwaltung ist ein Tatbestand. Wenn sich daraus neue Konflikte entwickeln, könnte dies ebenfalls weitestreichende Auswirkungen haben - in diesem Falle auf die nach dem Ersten Weltkrieg erfolgten Grenzziehungen.

Die Revolte, die Ende 2010 in Tunesien ausgebrochen ist, ist eine arabische Revolte. Sie wird die arabische Welt tief greifend verändern. Ihre Ursache liegt in dem über Jahrzehnte aufgebauten Stau von Reformen; die Frustration darüber entlädt sich - gestützt auf neue Netzwerke elektronischer Kommunikation - in den Protesten vornehmlich Jugendlicher quer durch alle Schichten der Gesellschaften. Angesichts der Unterschiedlichkeit derselben zwischen Marokko und Saudi Arabien werden sie sich in unterschiedlichen Rhythmen und Abläufen vollziehen und unterschiedliche Ergebnisse zeitigen. Dies wird den Konflikt der Araber mit Israel nicht unberührt lassen.

In mittelfristiger Perspektive überwiegen die positiven Perspektiven die Risiken und Unwägbarkeiten, die jedem nachhaltigen Wandel innewohnen. Auf der Grundlage der Einnahmen aus Erdöl und Erdgas hat ein dramatischer Um- und Aufbau der Volkswirtschaften vor allem der Staaten auf der Arabischen Halbinsel begonnen. Dass sich arabische Staaten an die Spitze der Globalisierung gestellt haben, hat auch das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein zu verändern begonnen. Die wirtschaftliche Entwicklung in den Öl und Gas produzierenden Staaten beginnt überdies positive Rückwirkungen auf andere Volkswirtschaften im Nahen Osten zu zeitigen. Von der zunehmenden Integration in die Weltwirtschaft gehen zugleich Impulse für politische und gesellschaftliche Veränderungen aus.

Diese Entwicklungen können jenen geistigen Kräften im Nahen Osten Freiräume schaffen, die noch immer die Erneuerung ihrer Gesellschaften in der intellektuellen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Westen suchen. Die nach außen dominant erscheinenden islamistischen Diskurse sollten nicht den Blick dafür verstellen, dass sich Literatur, Lyrik, Film, Philosophie und darstellende Kunst an jenen Themen und Darstellungsformen inspirieren, über die heute Eliten weltweit den Herausforderungen der Gegenwart begegnen.

Ob sich die Krisen und Konflikte vertiefen oder die Modernisierung vorankommt, wird nicht zuletzt auch von uns abhängen. Wird der Westen als Modell der Modernisierung attraktiv bleiben? Nachdem die Politik der USA in den letzten Jahren Amerikas Autorität weithin unterminiert hat, ist es an Europa, mit den Gesellschaften im Nahen Osten eine Partnerschaft zu suchen, die jene Kräfte stärkt, die auf friedlichen Ausgleich und Erneuerung gerichtet sind. Dass auch Deutschland mit seinem Ansehen im Nahen Osten, welches geschichtliche Wurzeln hat und in der Geschichte der Bundesrepublik erneuert wurde, dazu einen Beitrag leisten kann, sollten wir uns selbstbewusst zutrauen!