Goethes „West-Östlicher Diwan“ wird 200 Jahre - Juli 2019
Veröffentlicht: Montag, 15. Juli 2019 14:10
Festvortrag
Sie sind privilegiert: Denn es steht ein Jubiläum im Raum, das fast nur Ihnen an diesem Tage in Osnabrück bewusst gemacht wird: Das Erscheinen von Goethes West-Östlichem Diwan vor fast auf den Monat genau 200 Jahren.
Dieser beginnt so:
„Nord und West und Süd zersplittern,/Throne bersten, Reiche zittern,/Flüchte du, im reinen Osten/Patriarchenluft zu kosten;/ Unter Lieben, Trinken, Singen/Soll dich Chisers Quell verjüngen.“
So also leitet Goethe seinen „West-Östlichen Diwan“ ein, der im August 1819 bei der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erschien. Er überschreibt das soeben zitierte Gedicht „Hegire“ – eine Anspielung auf den Propheten Muhammad. Der war im Jahre 622 von Mekka in das benachbarte Yathrib ausgewandert. Daheim fühlten er und seine kleine junge Gemeinde sich von seinen mekkanischen Gegnern verfolgt. In Yathrib konnte er ein neues Leben beginnen. Die Stadt wurde später in Medinat an-Nabiy, „Stadt des Propheten „ – Medina – umbenannt.
Unser Dichter ist des Schlachtenlärms im Europa der letzten Jahrzehnte müde. Auch in Weimar waren die Auswirkungen der napoleonischen Kriege zu spüren gewesen. Wohin entweichen, um Ruhe zu finden? Da öffnet sich der „reine Osten“; die „Hegire“ (arabisch: hidschra), die Auswanderung aus dem Kontinent des Schlachtenlärms in eine Welt der Poesie, die ihm in den letzten Jahren von europäischen Orientalisten nähergebracht worden war.
Geographisch war das der Raum des Osmanischen Reiches und Persiens. Geistig war er belebt von Erleuchteten vieler Religionen, von den arabischen und persischen Dichtern, aber auch von Anhängern des sprachgewaltigen Korans und seines Propheten.
Glücklicher Goethe! Zweihundert Jahre nach seiner „Hegire“ stellt sich die Welt des Ostens nicht verführerisch dar. Im Gegenteil: Gewalt und Armut treiben heute viele Menschen in die entgegengesetzte Richtung: eine „Hegire“ nach Europa. Dort freilich finden sie keine Idylle vor. Im besten Fall humanitäre Aufnahmebereitschaft; im schlechtesten eine Feindseligkeit, die besonders dem Propheten Muhammad und dem Koran gilt. Dieser sei ein faschistisches Buch, heißt es mit besonderer Gehässigkeit bei europäischen Rechtspopulisten. Es müsse verboten werden wie „Mein Kampf“.
Wie geraten wir wieder ins Gespräch? Indem wir auf einander hören! Wie der Weimarer Dichter und sein größter orientalischer Bruder im Geiste, der persische Dichter Mohammed Schamseddin, den man Hafis nennt; und das deswegen, weil er den Koran auswendig kennt, eben bewahrt (arabisch/persisch: hafiz). Der neugierige Weimarer möchte das genauer wissen und der Perser aus Schiras antwortet: „Dass gemeinen Tages Schlechtnis/Weder mich noch die berühret/Die Propheten-Wort und –Samen/Schätzen wie es sich gebühret:/Darum gab man mir den Namen“.
Da möchte der christliche Dichter nicht nachstehen: “.. und so gleich ich dir vollkommen,/Der ich unsrer heiligen Bücher/Herrlich Bild an mich genommen,..“
Das Prophetenwort als Offenbarung rein zu halten, ja zu schützen gegen „gemeinen Tages Schlechtnis“ – darum geht es den beiden Dichtern. Die Spannung zwischen dieser idealistisch-poetischen Verklärung der Religion auf der einen und tagespolitischen Anfeindungen auf der anderen Seite war auch in der Goethezeit und in der Epoche der Aufklärung eine Tatsache. Nur mit Widerwillen hat Goethe eine deutsche Übersetzung des „Mahomet“-Dramas von Voltaire auf die Weimarer Bühne gebracht. Erschien der Prophet Muhammad dem jungen Goethe als ein charismatisch-göttlich inspirierter Prophet, so ist er bei Voltaire ein Wüstling und Betrüger. Das Drama endet mit dem Fluch der sterbenden Palmire: „Fort! Dich nicht zu sehen, ist das größte Glück. Die Welt ist für Tyrannen – lebe du!“
Demgegenüber endet das Zwiegespräch der beiden Dichterfürsten – Goethe und Hafis - mit dem Bekenntnis des Weimarers zur „Erquickung“ durch die Offenbarung: „Trotz Verneinung, Hindrung, Raubens/Mit dem heitren Bild des Glaubens.“
Seit seinem Erscheinen vor 200 Jahren ist der West-Östliche Diwan das Dokument einer dreifachen Zurückweisung:
- gegen dogmatische Engstirnigkeit theologischer Autoritäten,
- gegen politische Engführung etwa in der Konfrontation mit „den Türken“ oder „den Muslimen“ sowie
- gegen philisterhaftes Moralisieren im Sinne religiöser Gebote.
Schon in den ersten Versen der „Hegire“ klingt das an: Lieben, Trinken, Singen. Und auch darin weiß sich der – verliebte – Dichter in Weimar mit dem Sänger aus Schiras einig: Aus der Offenbarung geschöpfte Frömmigkeit steht zu einer sinnenfrohen Lebensweise nicht in Widerspruch. So beginnt ja auch der Diwan (die Gedichtsammlung) des persischen Bruders im Geiste, Hafis, mit den Worten: „Wohlan denn, Schenke, nimm den vollen Becher,/Kredenze ihn dem Kreise trunkner Zecher!/Die Liebe schien zuerst ein leichtes Spiel,/Bald brachte sie der Mühen nur zu viel.“ Und wenige Zeilen weiter heißt es: „Du sollst mit Weine, der vom jungen Schenken/Dir wird kredenzt, den frommen Teppich tränken!“ Den Gebetsteppich mit (verbotenem) Wein tränken – ein Sakrileg? Wo würde man größere Aufregung darüber vermuten als im heutigen Iran. Und doch: an Hafis kommt kein noch so frommer Bürger der Islamischen Republik vorbei. Fast jeder Iraner kennt und schätzt zuhöchst die zitierten Verse. Auf wie tönernen Füßen muss eine „Islamische Republik“ stehen, wenn sich die verordnete Moral so weit von den Wurzeln der eigenen Kultur entfernt.
Der iranische Staatspräsident Mohammed Khatami (1997-2005) hat diese Spannung ausgelebt, als er im Juli 2000 zum Staatsbesuch nach Berlin kam. Nach der Erledigung der politischen Geschäfte in der Hauptstadt wurde Weimar zur Bühne eines großen Auftritts. Dort versammelten sich unter anderen Bundespräsident Johannes Rau, der bedeutende Tübinger Theologe Hans Küng und eben Präsident Khatami. Thema des gelehrten Disputs war das Verhältnis von Tradition und Moderne. Khatami hatte dazu Grundsätzliches zu sagen: Für einen Muslim könne die „Moderne“ nur akzeptabel sein, wenn sie nicht gegen die, sondern im Einklang mit der Tradition gedacht und implementiert wird; und umgekehrt: die Tradition kann nur Bestand haben, wenn sie sich in der Moderne immer wieder bewährt und erneuert.
Dies wurde feierlich besiegelt: Am Rande des Parks in Weimar, nahe dem Haus der Frau von Stein, Goethes geistiger Mentorin, enthüllten der iranische und der deutsche Präsident das Denkmal des Dialogs der Kulturen. Zwei leere Stühle aus dunklem Basalt – darauf werden Goethe und Hafis visualisiert. Und zwischen den beiden Stühlen Verse: darunter der bekannte aus Goethes West-Östlichem Diwan: „Wer sich selbst und andre kennt,/Wird auch hier erkennen:/Orient und Okzident /sind nicht mehr zu trennen.“
Fiktiv also hat Goethe mit auf dem Podium der Drei gesessen; bereits vor 200 Jahren hatte er sich als Geistesverwandter Khatamis zu erkennen gegeben: Wie dieser das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne in einer Synthese verschmolz, „wünscht sich der Verfasser vorstehender Gedichte als ein Reisender angesehen zu werden, dem es zum Lobe gereicht, wenn er sich der fremden Landesart mit Neigung bequemt, deren Sprachgebrauch sich anzueignen trachtet, Gesinnungen zu teilen, Sitten aufzunehmen versteht“ – so in den Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Östlichen Divans. Man versteht, warum es Herrn Khatami unübersehbar bewegt hat, dem Weimarer Dichter ein Denkmal zu setzen.
Stefan Zweig hätte das Tun dieses „Drei plus Einer-Quartetts“ als eine „Sternstunde der Menschheit“ bezeichnet. Aber Sternstunden verblassen und die Dunkelheit kehrt zurück. Jahre vor dem beglückenden Geschehen in Weimar war die Weissagung vom „clash of civilizations“ ausgegeben worden; und ein Jahr nach Weimar schien diese im Terrorakt vom 11. September 2001 ihre Bestätigung zu finden. In Deutschland war damit eine neue Profession geschaffen: die der „Islamkritiker“. Seither haben sie ihr schleichendes Gift in unserer Gesellschaft verbreitet: „Gehört der Islam zu Deutschland?“
Ganz unverständlich und wirklichkeitsfern freilich ist diese Frage nicht. Denn tatsächlich sind in den Gesellschaften des südlichen und östlichen Ufers des Mittelmeers Kräfte zugange, die hasserfüllt alle bekämpfen – ob Nichtmuslime oder Muslime -, die sich im Namen ihrer Religion und der Humanität einer fanatisch engen pseudo-religiösen Ordnung widersetzen. Wie im „Mahomet“-Drama des Voltaire (das Goethe verabscheute) suchen religiöse Fanatiker Vorurteile und Hass auf einander zu schüren.
In dieser Situation aber hat der Goethe-Bewunderer und Dichter, Friedrich Hölderlin, dem Optimismus eine Stimme verliehen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Und in der Tat: Durch das Jahr 2013 hindurch haben Bürger aus breiten Teilen der tunesischen Gesellschaft dem Land eine neue Verfassung erarbeitet. Ihre Grundlage sind Pluralismus und Demokratie. Ihre Verabschiedung Ende Januar 2013 löste einen Jubel der Menschen auf den Straßen des Landes aus. Das „Quartett“ der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die ein Jahr lang um jeden Paragraphen gerungen hatten, wurde dafür 2015 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Eine solche Auszeichnung sollte Fanal sein, die Perspektive auf unsere muslimische Nachbarschaft wieder zu verändern: Nicht mehr im Fernrohr den Kopf abschneidenden Salafisten vergrößern, der nicht einmal weiß, was der Islam ist; das Fernrohr, das nur Segmente zeigt, beiseitelegen und auf das Ganze blicken:
Auf Algerien oder den Sudan, wo die Menschen im Namen von Menschen-Rechten und Demokratie den Machthabern in diesen Tagen die Freiheit und Demokratie abtrotzen. Oder auch einen Iran, wo sicher gerade der neue Film gedreht wird, der bald die internationalen Preise abräumen wird. Oder auf eine Türkei, wo die Wähler in Istanbul einem Despoten die Schranken gewiesen haben. Oder – auch mal auf Saudi-Arabien: wo vor vier Jahren der erste von einer Frau im Lande gedrehte Spielfilm entstand: Er handelte von der Sehnsucht eines kleinen Mädchens, auf einem Fahrrad zu fahren (in Saudi-Arabien eine unschickliche Vorstellung). Am Ende radelt es mit einem Fahrrad davon – ein Geschenk seiner Mutter, die es ihr aus Enttäuschung darüber, dass ihr Mann sich eine zweite Frau genommen hat, geschenkt hat.
Oder auf das kurdische autonome Gebiet Rojava. Dort streben Menschen – in diesem Fall kurdische Muslime und arabische Christen – nach einer Form politischer Organisation, die ihnen – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – gestattet, selbstbestimmt zu leben.
Oder eben auf die Muslime in Deutschland. Die auf dem Weg sind, in der Andersartigkeit einer griechisch-römisch-christlich geprägten, im Wesentlichen aber modernen Welt ihren Platz zu suchen. Die teilnehmen an dem risikoreichen Abenteuer Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sich in ganz neuen Bezügen der Geschichte und der Zukunft fundamental neu aufzustellen und Grundlagen künftiger gesellschaftlicher Gemeinsamkeit zu schaffen.
Oder eben auch auf eine deutsche Gesellschaft, in der nach langen Geburtswehen Institute entstanden sind, in denen – wie unter anderem in Osnabrück – islamische Theologie neu verstanden wird. Muslimen wie Nicht-Muslimen in Deutschland und darüber hinaus wird so eine theologische Grundlage geschaffen, auf der sie als religiöse Menschen unterschiedlichen Glaubens gemeinsam ihr Leben gestalten können.
Um zu zeigen, dass Respekt und Toleranz, ja Bewunderung mit Blick auf die islamische Religion eine lange Tradition in Deutschland haben, könnte ich - jenseits unseres Jubilars - viele literarische Zeugen aufrufen. Jetzt halte ich es mit dem großen --- Karl May: Der hat die Weltsicht so vieler Jugendlicher in Deutschland noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt. Heute ist er ein bisschen in Vergessenheit geraten. Auch sein Buch: “Und Friede auf Erden“, enthält noch abenteuerliche Geschichten, wie sie uns in der Kindheit begeistert haben. Aber es reflektiert vor allem auch die Dimensionen der Beziehungen zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen, denen begegnet zu sein er vorgibt. Bei aller Christentümelei, die einen doch manchmal stört, spricht aus ihm ein tiefer Respekt vor allen Religionen und Kulturen, namentlich vor denen „des Ostens“, und ihrem Beitrag zur Entwicklung der Menschen. Im Schatten der Pyramiden reflektiert er: “Die Menschheit gleicht der Zeit. Beide schreiten unaufhaltsam vorwärts, und wie keiner einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist, so kann auch kein Mensch, kein Stand, kein Volk sich rühmen, von Gott mit irgendeiner speziellen Auszeichnung begnadet worden zu sein. Eine hervorragende Periode ist nur das Produkt vorangegangener Zeiten, und es gibt in der Entwicklung des Menschengeschlechts keine Geistesrichtung oder Geistestat, die aus sich selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte…“ (S. 24/25). Und an anderer Stelle: „Auch Völker schlafen. Ihr Schlaf währt freilich länger als nur eine Nacht, und wer die Notwendigkeit dieses Schlafes nicht begreift, der kann leicht versucht sein, ihn für den Tod und sie für abgetan zu halten. Aber diese schlafenden Völker wachen wieder auf, wenn ihnen der Atem nicht genommen wird. Sie haben während der Ruhe neue Kraft gesammelt, und wenn ihr Morgen kommt, dann wehe dem, der sie für tot gehalten und sich als lachender Erbe in ihre Rechte eingenistet hat.“ Und dann spricht er von den „schlafenden Riesen“ im Orient. „Ein solcher Riese ist der Islam.“ (S. 126)
Wir enden also optimistisch: Europa braucht sich nicht neu zu erfinden; es braucht nur auf die besten untern seinen Traditionen und seinen Köpfen zurückzukommen. Und der Islam lebt – auch unter uns: Er zeigt sich in den Musliminnen und Muslimen, die am heutigen Tage Anteil nehmen an der Ehrung eines verdienten Kollegen für seinen engagierten Beitrag zur Implementierung der islamischen Theologie in Deutschland. Wie dem Jubilar Goethe ist uns, die wir hier 200 Jahre nach dem Erscheinen des „Divan“ versammelt sind, das – wie er in den „Noten und Abhandlungen“ schreibt - „Bestreben unseres diesmaligen Berufes angenehm“ – also unser Tun am heutigen Morgen: „Denn in einer Zeit, wo so vieles aus dem Orient unserer Sprache treulich angeeignet wird, mag es verdienstlich erscheinen, wenn auch wir von unserer Seite die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken versuchen, woher so manches Große, Schöne und Gute seit Jahrtausenden zu uns gelangte, woher täglich mehr zu hoffen ist.“
Dazu sagen wir ein lautes in scha’a llah (so Gott will) und werden den „Divan“ künftig als ein Licht der Orientierung auf dem Weg zu religiöser Toleranz und Partnerschaft zur Hand nehmen.